Mittelstandsanleihen – Spekulativer als der Name suggeriert

Liebe Investment Professionals,

würde das Anleihesegment der Mittelstandsanleihen wirklich den deutschen Mittelstand repräsentieren, müsste man sich Sorgen machen. Nach zahlreichen Insolvenzen am Markt für Mittelstandsanleihen – bis dato sind sage und schreibe bereits 17 der 119 Mittelstandsanleihen notleidend geworden – müssen sich nun auch die Gerichte mit der neuen Anleiheform beschäftigen. Das Segment der Mittelstandsanleihen, so heterogen es auch sein mag, besteht überwiegend aus Anleihen, die im spekulativen Bereich anzusiedeln sind. Den Mittelstand und seine Eigenschaften repräsentiert es daher kaum. Aber auch die von einer Insolvenz bislang verschonten Anleger von Mittelstandsanleihen hatten häufig wenig Freude an ihrem Investment. Trotz der deutlich höheren Kupons schneidet das Segment der Mittelstandsanleihen wegen der teils empfindlichen Kursverluste deutlich schlechter ab als die relevanten iBoxx-Indizes für Unternehmensanleihen.

Bereits seit Jahren verfolgt die DVFA-Kommission unter der Leitung von Christoph Klein, DeAWM, die Corporate Bond Märkte intensiv und hat mit den Standards für Bondkommunikation (inzwischen von der EFFAS als europäischer Standard übernommen) sehr deutlich beschrieben, wie die Emission und die unterjährige Berichterstattung von Anleiheemittenten erfolgen sollte. In Bezug auf Mittelstandsanleihen hat die DVFA-Kommission eine klare Aussage getroffen: Um diesen Markt dauerhaft als neues Segment im Bondbereich zu etablieren, darf es im Vergleich zu Großunternehmen und Frequent Borrowers keine Ausnahmeregelungen geben – ”the same rules apply”.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen könnten Anleger von Mittelstandanleihen Orientierung durch aussagekräftige Ratings gut gebrauchen. Mittelstandsanleihen verfügen jedoch  in der Regel nicht über eine Bonitätsaussage von den internationalen Agenturen, deren Analysemethodik und Bonitätskriterien von den Marktteilnehmern weitgehend akzeptiert werden. Diese Lücke sollten eigentlich Ratings von Mittelstandsagenturen schließen. Diese können jedoch – im Gegensatz zu Moody’s, S&P und Fitch – noch keinen Track Record über die Qualität ihrer Ratings liefern. Eine Studie der DZ BANK zeigt, dass zum Zeitpunkt der Emission selbst die mittlerweile ausgefallenen Bonds über relativ gute Ratings der Mittelstandsagenturen verfügten. Hinzu kommt, dass hier der Zeitraum zwischen Emission und Insolvenz vergleichsweise kurz war. Die beobachtete Ausfallrate lag auf dem Niveau von Anleihen, die beispielsweise von Moody’s im B-Bereich eingestuft waren. Das durchschnittliche Rating der Mittelstandsagenturen zum Zeitpunkt der Emission lag jedoch im oberen BB-Bereich. Diese Ergebnisse zeigen aus unserer Sicht, dass die Bonitätsnoten der Mittelstandsagenturen bislang nur bedingt eine Orientierung für den Investor darstellen können.

Mit freundlichen Grüßen
Stefan Bielmeier

Über Stefan Bielmeier

Stefan Bielmeier ist Chefvolkswirt der DZ BANK AG. Seit Mai 2010 ist Stefan Bielmeier Vorstandsmitglied der DVFA, seit Mai 2012 Vorstandsvorsitzender.

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