Alles ruhig in Lake Wobegon

Liebe Mitglieder und Freunde der DVFA,

kennen Sie Lake Wobegon? Nein? Lake Wobegon ist ein fiktiver Ort aus einer amerikanischen Radio Serie. In Lake Wobegon sind alle Männer stark, alle Frauen bildhübsch, und alle Kinder überdurchschnittlich intelligent. Das Idealbild eines Ortes, in dem alles so ist, wie alle es sich wünschen. Oder vorstellen. Wobei ich bei dem bin, was mich in der vergangenen Woche beschäftigt hat.

Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat in der vergangenen Woche einen Bericht zu den europäischen Wertpapiermärkten veröffentlicht, der zum ersten Mal eine Erhebung über Hochfrequenzhandel (HFT) in Europa enthält. HFT, laut ESMA die größte Schwachstelle im  europäischen Finanzsystem, erzielt bereits heute 60% des gesamten Ordervolumens, wertmäßig allerdings nur 25%, was an den vergleichsweise kleinen Orders läge.

Was heißt das eigentlich für Aktien? Sicherlich, Aktien werden nicht den Löwenanteil an hochfrequenten Orders ausmachen, vermutlich noch nicht einmal mehr als 20-25%. Dennoch. Mir kommen da Fragen auf.

Aktien sind bei deutschen Anlegern ungeliebte Kinder. In einem Land mit einer ausgeprägten Sparbuch-Kultur fällt auch nicht mehr groß ins Gewicht, dass sich Prominente mit Aktien verzocken. Der Fall Hoeness, laut Claus Döring von der Börsenzeitung für die Aktienkultur in Deutschland „so hilfreich, wie eine Blutgrätsche beim Fairplay-Preis“, hat meines Erachtens nur jene bestätigt, die Wertpapiere a priori mit Spekulation gleich übel assoziieren.

Sind nach einer Erhebung des DAI nur noch knapp 9 Millionen Deutsche direkt oder indirekt in Aktien investiert, also statistisch nur ca. jeder achte Deutsche, dann ist die Aktie damit fast schon ein Nischenprodukt. Man könnte also sagen, dass Menschen viel seltener eine Kaufentscheidung für Aktien treffen als Computer, die über Colocation möglichst nah am Handelsplatz platziert handeln bis die Schwarte kracht, oder eher das Motherboard.

Was heißt das z.B. für Investor Relations? Diese Frage hat Patrick Kiss, Gründer des IR Club, schon vor Monaten aufgeworfen. Im Kern der IR Arbeit steht die Informationsversorgung von Investoren und Finanzanalysten. Was aber, wenn Algorithmen, vermutlich von Programmierern parametrisiert und nicht von „lebendigen“ Investoren, die Entscheidung darüber treffen, ob und wann eine Aktie gehandelt wird? Algorithmen interessiert gute Kapitalmarkt-kommunikation nicht, und solange wir Corporate Governance nicht messbar machen (was wir bloß sein lassen sollten!), kann sie nicht modelliert, ergo nicht in einen Algorithmus programmiert werden. Es ist ein bisschen so wie früher mit den echten Quants: die hat auch nicht interessiert, ob sich über Datennormierungen bei den Datenprovidern Fehler in die Finanzdaten von Unternehmen einschlichen. Muss man einfach nur noch mehr Unternehmen und noch mehr Daten nehmen. Dann nivellieren sich Unebenheiten bei den Daten ganz von allein.

Viele Organisationen, Verbände, Standardsetter, Unternehmen, die Marktaufsichten streiten sich über Rechnungslegung, und was denn geboten sei, um Unternehmensberichte für Investoren transparent zu machen. Das IASB hat mehr offene Projekte als im lieb sein kann; Integrated Reporting rettet die Welt mit seinem Postulat des entlarvend naiven und herrlich dämlichen „Integrated Thinking“; die EU will die Berichterstattung von Non-Financials regulieren und damit einen Beitrag zu mehr Vertrauen unter Anlegern schaffen.

Wozu, frage ich? Wozu der ganze Aufwand um Corporate Reporting, Corporate Governance, Transparenz und so weiter? Wozu eigentlich Börse im Ersten mit so altbackenen Statements wie „die Börsianer sind unruhig“ oder „Anleger haben Gewinne mitgenommen“? Ja, sind es denn die Anleger gewesen? Ist sind denn menschliches Ermessen, „Business Judgment“, Fundamentanalyse, meinetwegen auch menschliche Gier, oder verhaltensökonomisch belegbare Biases wie Herding, die die Börse treiben?

Ich oute mich an dieser Stelle und bekenne, dass ich gegen HFT nichts einzuwenden habe – vorausgesetzt, wir verstehen, was wir da technologisch anzetteln. Einen zweiten Flashcrash braucht kein Mensch. Aber wenn es so ist, dass heute bereits 25% des Ordervolumens in Geldeinheiten ohne menschliche Zutun im Augenblick des Handelns erfolgt, dann brauchen wir ein anderes Paradigma für Wertpapierhandel. Eines, in dem wir HFT und seine Spielarten mitdenken, und nicht so tun, als ob wir uns auf dem Parkett in Lake Wobegon befinden: wo alle Investoren long-only sind, wo Finanzkommunikation ausschließlich mit dem Investor als natürlicher Person stattfindet, und wo die IT nur die Rechner einstöpselt.

In diesem Sinne, kommen Sie gut in die Woche, und bleiben Sie uns gewogen.

Ihr

Ralf Frank

Weitere Informationen finden Sie hier:

Survey finds 70% of traders believe market “rigged”; The TRADE News

High Frequency Trading – Background and Current Regulatory Discussion. Präsentation von Prof. Dr. Peter Gomber, Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere e-Finance, Universität Frankfurt, auf dem 2. DVFA Banken Forum, 20. Juni 2012

 

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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