Blinde Flecken, schwarze Schwäne, Emergenz („Emer… was?“)

Liebe Mitglieder, liebe Freunde der DVFA,

Fidelity-Geschäftsführer Hans-Jörg Franzmann kritisierte vor einiger Zeit auf einer DVFA-Veranstaltung die Modellgläubigkeit in unserer Branche als ein ernsthaftes Übel. Wer Franzmann kennt, der weiß, dass er nicht für „heiteres Zahlenraten“ oder intuitive Bauchentscheidungen steht. Hier geht es um etwas ganz anderes: wie gehen wir mit dem Output unserer Modelle um, und vor allen Dingen was sind unsere Annahmen zu Risiken, deren Eintrittswahrscheinlichkeit nicht zu berechnen ist, und bei denen Annahmen eher den Charakter der Willkür in sich tragen. Seit Nicholas Nassem Taleb haben diese unvorhersehbaren Risiken einen Namen: schwarze Schwäne.

Dass wir in Entscheidungen häufig unseren eigenen Verzerrungen unterliegen, oder Heuristiken anwenden, dort, wo sie nicht hingehören, das hat die Behavioral Economics hinlänglich nachgewiesen. Behavioral Finance untersucht die individuelle Investitionsentscheidung, und welche Heuristiken am Werk sind. Was aber passiert eigentlich in Finanzmärkten, in denen z.B. Herding (zu deutsch: den anderen hinterher laufen) ja Effekte haben könnte, die über die individuelle Verzerrung hinausgehen.

Was noch an Erklärung dafür fehlt, das könnte die noch relativ junge Disziplin der Sociology of Finance erklären. Schauen Sie sich dieses Interview einmal an: http://www.pvm-magazin.com/analyse-und-meinung/interviews/ekaterina-svetlova/ (Sie müssen sich bei PVM kostenfrei registrieren, sorry!). Professor Dr. Ekaterina Svetlova lehrt an der Universität Karlsruhe, ist aber in ihrem „ersten Leben“ eine Finanzanalystin gewesen. Sie reisst nur einige der Themen der noch relativ neuen Disziplin an, und dieser Blog ist nicht der richtige Ort, um die Vielfalt der Themen ausführlich zu behandeln. Hier ein paar Appetithäppchen:

  • wie steht es mit der Emergenz von Phänomenen im Finanzmarkt, d.h. Ereignissen, die aus einzelnen Fällen nicht zu erklären sind?
  • wie gehen wir mit Nicht-Wissen um? Lesen Sie dazu das Beispiel Anlageberatung im Interview mir Ekaterina Svetlova.
  • welche Rolle spielen Theorien, deren basale Annahmen längst schon widerlegt wurden (z.B. Finanzmarkteffizienztheorie)? wie gehen wir mit unseren Modellen um?  Wann dienen sie der Analyse, wann sind sie performativ als „an engine, not a camera“? (so der Titel eines Klassikers der SoF von Donald MacKenzie)
  • welche Rolle spielt Information? Welche Rolle spielen die Informationsinstrumente wie Ticker, oder Bloomberg-Terminals und welchen Einfluss haben sie auf die Wahrnehmung? Hier setzt die französische Soziologie der ANT Actors-Network-Theory an.
  • die Rolle von Konventionen (hierzu, auch aus Frankreich, die Economie des Conventions).

Ich höre jetzt auf. Sie merken schon: die Themen interessieren mich. Falls Sie jetzt neugierig geworden sind – im Spätherbst diesen Jahres veranstaltet die DVFA mit Professor Svetlova ein Symposium über Sociology of Finance.

Kommen Sie gut durchs Wochenende und bleiben Sie uns gewogen.

Ihr

Ralf Frank

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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