Peter-Thilo Hasler: Ist der „Markt 2.0“ eine Lösung?

Mehr als zehn Jahre nach dem Niedergang des Neuen Marktes erwägt die Bundesregierung, ein neues Börsensegment für junge Firmen einzuführen. Vergangene Woche erklärte die Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke, dass ein neues attraktives Börsensegment für junge und innovative Wachstumsfirmen die Rahmenbedingungen für Wagniskapital verbessern und Deutschland für Investoren attraktiver machen solle. Der privatrechtliche Entry Standard der Deutschen Börse, eigentlich als Einstiegssegment für kleine und mittelständische Unternehmen konzipiert, sei in seiner heutigen Form „nicht attraktiv genug“ für junge Wachstumsunternehmen. Mit ihrer Maßnahme will die Bundesregierung verhindern, dass erfolgreiche deutsche Unternehmen den Gang an eine US-amerikanische Börse vorziehen, wo mit dem Jumpstart Our Business Startups Act (JOBS Act) 2012 die Voraussetzungen dafür geschaffen worden waren, schnell wachsenden Unternehmen einen erleichterten Zugang zum Kapitalmarkt zu verschaffen.

Es ist eine Tatsache, dass die Eigenkapitalausstattung deutscher Unternehmen seit Jahren rückläufig ist. Gleichzeitig stottert die IPO-Maschine, während in anderen Ländern bereits wieder eine steigende Anzahl von Börsengängen zu verzeichnen ist. Hierzulande gelingt ein Börsengang – wenn überhaupt – allenfalls Large Caps, zum Beispiel über Abspaltungen wie bei Osram oder über Privatplatzierungen wie bei Evonik. Daher stellt sich die Frage, ob der Kapitalmarkt Börsengänge kleinerer Technologieunternehmen überhaupt absorbieren kann. Derzeit ist dies definitiv nicht der Fall.

Denn schon seit mehr als einem Jahrzehnt stehen kleine und innovative Wachstumsunternehmen bei den führenden deutschen Kreditinstituten nicht mehr im Fokus des Interesses. Geschäftsbanken mögen Mittelstandsoffensiven predigen, doch die Realität zeigt ein differenziertes Bild. Die Schwelle, ab der sich Equity Capital Markets-Abteilungen mit Börsenkandidaten beschäftigen, wurde in den letzten Jahren so weit angehoben, dass wer nicht zumindest SDAX-Kandidat ist, in der Regel als „nicht kapitalmarktfähig“ abgewiesen wird. Infolgedessen werden Small Caps weder vom Equity Research noch von Institutional Sales professionell betreut. Dies gilt übrigens nicht nur für Aktien, sondern auch für den stark wachsenden Markt von Mittelstandsanleihen, den die großen Geschäftsbanken bislang vollständig den kleineren Wertpapierhandelsbanken überlassen haben. Wenn aber aus geschäftspolitischem Interesse keine Beziehungen zu den Emittenten gewünscht sind, können auch keine zu den typischen Small Caps-Investoren – also Vermögensverwaltern, Family Offices oder auch vermögenden Privatkunden – aufgebaut werden. Daher muss es nicht verwundern, wenn Börsengänge dieser Assetklasse Mangelware sind.

Doch selbst wenn kleinere Wachstumsunternehmen auf die Dienste der nicht selten ausgesprochenen professionell auftretenden Wertpapierhandelsbanken zurückgreifen, steht die Alternative einer kapitalmarktbasierten Eigenfinanzierung nicht allen Unternehmen im gleichen Umfang und zu vergleichbaren risikoadjustierten Kosten zur Verfügung. Gerade für kleinere Unternehmen ist ein Börsengang schon allein unter Losgrössenaspekten wesentlich teurer als für große Unternehmen. Daran wird auch ein „Markt 2.0“ nichts ändern. Ungeachtet dessen scheint man sich in Berlin bereits Gedanken über die Bezeichnung des neuen Börsensegments zu machen. So gilt als sicher, dass der Begriff „Neuer Markt“ nicht wiederverwendet werden wird. Denn ein neuer Anlauf zur Stärkung von Börsengängen, so die Mittelstandsbeauftragte, habe ja nur dann eine dauerhafte Chance, wenn er am Markt auf Vertrauen stößt. Lassen wir uns also überraschen, wie zumindest dieses Problem gelöst werden soll.

Disclaimer: Die in der Reihe Positionen im DVFA-Blog vertretenen Meinungen geben nicht unbedingt die Position der DVFA wieder.

 

Über Peter Thilo Hasler

Peter Thilo Hasler, CEFA ist Gründer und Analyst der Sphene Capital GmbH. Er ist Mitglied des Vorstands des DVFA e.V. und Dozent für Unternehmensbewertung an der Münchener FOM.

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