„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun“ (Molière)

„Der Markt für Mittelstandsanleihen ist tot“, sagte Christoph Lammersdorf, Vorstandsvorsitzender der Börse Stuttgart, vergangene Woche der FAZ. Die Börse Stuttgart, die das Segment im Frühjahr 2010 aus der Taufe gehoben hat, werde sich zukünftig nicht mehr aktiv um neue Emittenten in ihrem Mittelstandsanleihesegment BondM bewerben. Zum einen würden die Banken mittlerweile wieder sehr gute Konditionen anbieten, zum anderen sei „zu viel kriminelle Energie“ seitens der Emittenten im Spiel, gegen die selbst Kapitalmarktexperten keine Chancen hätten. Ganz so drastisch sieht es die Börse Düsseldorf nicht. So wolle man zwar den Kapitalmarkt für kleine und mittelgroße Unternehmen offen halten, jedoch durch eine Umbenennung des Mittelstandssegments die „Risiken dieser Anleihen noch deutlicher auf den ersten Blick sichtbar machen“.

99,7% oder rund 3,7 Mio. Unternehmen, in denen 65,9% aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten angestellt sind, unter den Generalverdacht zu stellen, für den Kapitalmarkt nicht geeignet zu sein, trägt wenig zur Lösung der Finanzierungsprobleme bei, denen sich der deutsche Mittelstand ausgesetzt sieht. Da einem Börsengang oder der Aufnahme von Finanzinvestoren in den Gesellschafterkreis oft erhebliche Vorbehalte entgegengebracht werden, sind mittelständische Unternehmen hierzulande nach wie vor zum überwiegenden Teil von ihren Hausbanken finanziert. Niedrige Refinanzierungszinsen der Notenbanken und umfangreiche staatliche Garantien für die Geschäftsbanken sollen dafür sorgen, dass dies auch in Zukunft so bleibt. Auch negative (Straf-)Zinsen und besonders günstige, jedoch zweckgebundene Kredite der Europäischen Zentralbank für jene Kreditinstitute, die der Privatwirtschaft mehr Kredit gewähren als bisher, sollen eine verstärkte Risikonahme durch die Banken begünstigen. Und doch sprechen Unternehmer immer häufiger von Schwierigkeiten, vor allem größere Finanzierungsprojekte realisiert zu bekommen.

Ihnen nun den Weg an den Kapitalmarkt zu verstellen oder sie gar zu diskreditieren, kann keine Lösung für die Probleme sein. Zumal es unter ihnen zahlreiche Unternehmen gibt, die alle Kriterien erfüllen, die sie für einen Gang an den Kapitalmarkt attraktiv machen: Dann nämlich, wenn sie unauffällige (für manche langweilige) Produkte produzieren, die aber in der jeweiligen Nische eine bedeutende Rolle spielen und deren Konsum mit hohen Wechselkosten verbunden ist. Oder wenn sie überwiegend – aber nicht nur – als Familienunternehmen geführt sind und eine langfristig stabile Umsatz- sowie Ertragsentwicklung aufweisen. Oder wenn ihre Wettbewerbsvorteile weniger auf Kostenvorteilen basieren als auf Innovation, Produktqualität, Beratung und Kundennähe. Oder wenn eine hohe Fertigungstiefe hohe Markteintrittsbarrieren zur Folge hat und das Kopieren der Produkte durch andere erschwert. Diese Unternehmen haben es verdient, bei der Emission ihrer Anleihe professionell betreut zu werden.

Insofern ist eine stärkere Professionalisierung des Systems anzustreben, zu deren Durchsetzung auch die Börsen angehalten sind: Financial Covenants müssen sich endlich bewährten Vorlagen, insbesondere aus dem High Yield-Bereich annähern und dürfen keine obskuren Sicherheiten vorgaukeln, die das Management in ihrem Handlungsspielraum kaum einschränken. Treuhänder müssen ihre Funktion auch wahrnehmen und sich nicht, quasi über die Medien, von den Schwierigkeiten ihrer Mandanten oder einer drohenden Wertlosigkeit der betreuten Sicherheiten informieren lassen. Eigenemissionen, die gerade von Emittenten der Börse Stuttgart besonders häufig genutzt wurden und bei denen Emittenten ohne Einbeziehung von Banken an den Kapitalmarkt gehen, haben bei einem transparenten, den Privatkunden ansprechenden Börsengang nichts verloren und sollten endgültig der Vergangenheit angehören. Und vielleicht setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass ein Finanzvorstand im Unternehmen eine wichtige Funktion innehat.

Ganz offensichtlich also gibt es geeignetere Möglichkeiten, den Kapitalmarkt in Deutschland voranzubringen, als sich von diesem zurückzuziehen.

Disclaimer: Die in der Reihe Positionen im DVFA-Blog vertretenen Meinungen geben nicht unbedingt die Position der DVFA wieder.

Über Peter Thilo Hasler

Peter Thilo Hasler, CEFA ist Gründer und Analyst der Sphene Capital GmbH. Er ist Mitglied des Vorstands des DVFA e.V. und Dozent für Unternehmensbewertung an der Münchener FOM.

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