Wie weich dürfen weiche Frühindikatoren sein?

Ralf Frank

Liebe Mitglieder und Freunde der DVFA,

wie das Handelsblatt und andere Medien in dieser Woche berichteten, legte der Ifo Geschäftsklima-Index zum dritten Mal in Folge zu. Fazit: der Wirtschaft gehe es sehr gut, wie Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts frohlockte. Die Prognose, so die Autoren im Handelsblatt, sei so gut, dass sogar die Regierung ihre Wachstumsprognose nach oben korrigieren werde. Ach was!

Prognosen stellen ist eine wichtige Funktion in Volkswirtschaften. Übertragen von Watzlawicks „man kann nicht nicht kommunizieren“ könnte man sagen: „man kann nicht ohne Plan planen. Also, Prognosen OK. Aber muss man dazu den Ifo Geschäftsklima-Index eigentlich bemühen? Wie kommt er eigentlich zustande? Laut Wikipedia handelt es sich beim Ifo-GKI um einen weichen Frühindikator. Ach ja!

Ich will im Folgenden für einen reflektierten Umgang mit subjektiven Einschätzungen, ganz gleich wie konsolidiert sie sind (d.h. wie viele subjektive Einschätzungen zusammen gezogen werden), plädieren. Der Ifo ist nicht nur weich, sondern butterweich, und sollte meines Erachtens aus zwei Gründen bestenfalls als Indikativ angesehen werden: 1. er beruht auf Einschätzungen von Wirtschaftssubjekten, bei denen nicht klar ist, wieviel Einblick sie in die Geschäftsaussichten des Unternehmens, für das sie Angaben machen, haben. 2. der Ifo zeigt, wie häufig in den Finanzmärkten vorzufinden, Züge von Performativität, d.h. er ist legitimiert dadurch, dass ihn viele nutzen, aber nicht dadurch, dass er objektive Befunde bemisst und darstellt.

Ad 1. Vergeblich sucht man auf der Homepage des Ifo-Instituts nach Angaben, wer der Absender (nicht der Adressat!) des dem Ifo-GKI zurückgeschickten, ausgefüllten Fragebogens ist. Ist es die Geschäftsführung, die den Fragebogen ausfüllt, indem sie sich Zahlen vorlegen lässt? Oder wird der Fragebogen von der Marketingabteilung ausgefüllt? Oder wandert er regelmäßig an Assistenten und dienstbare Geister der Geschäftsführung, die sich dann den Kopf zerbrechen dürfen, ob die geschäftlichen Aussichten demnächst gleichbleibend, besser oder schlechter sind? „Müller, hier füllen Sie den Fragebogen mal aus, wenn Sie nicht wissen, was Sie eintragen sollen, sprechen Sie mal mit dem Vertrieb!“

Wie ich einem Artikel von Kunkel über „Prognosefähigkeit des ifo Geschäftsklimas und seiner Komponenten sowie die Überprüfung der ‚Dreimal-Regel‘“ entnehme, allerdings nur in der Fußnote, so gibt man sich ganz locker, was die Qualität subjektiver Angaben anbetrifft: „Im Idealfall nutzt der Interviewte zur Beantwortung das betriebliche Rechnungswesen, um sein Urteil mit belegbarem Zahlenmaterial zu präzisieren. Sonst überwiegen persönliche Eindrücke der Wirtschaftslage, die aber auch eine hinreichende Genauigkeit zeigen.“  „Das betriebliche Rechnungswesen … hinreichende Genauigkeit …“ – das ist Wunschdenken, sorry: dummes Zeug, „blow your horn as big as you can“.

Schon mal etwas von Heuristiken gehört, liebe Ifo-Inschutznehmer? Kommt eine realistische Einschätzung zustande, wenn die Teilnehmer ständig von Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Schrumpfung der Wirtschaft beschallt werden? Wenn Sie Einkäufer sind, und im Radio auf dem Weg zur Arbeit hören, dass der Einkäuferindex um 20% gefallen ist, und Ihre Kollegen sparen, bestellen Sie dann noch 20 Paletten Kopierpapier zu Vorzugskonditionen, wenn Sie eigentlich nur 10 benötigen? Also, halten wir mal fest: Subjekte sind zu beeinflussen, wenn das, was um uns herum „available“ ist (daher der Name der Heuristik, die Tversky und Kahneman ad nauseam getestet haben), die Wahrnehmung verzerrt. Es kommt zu selbsterfüllenden Prophezeiungen.

War aber nicht der eigentliche Punkt! Je nach dem, wie nahe die Person an den Entwicklungen ist (einmal abgesehen von wissen, verstehen, einschätzen können), die den Fragebogen ausfüllt, umso besser (zuverlässiger, belastbarer) sollten die Ergebnisse in der Konsolidierung sein. Gilt auch umgekehrt. Mal ehrlich, es weiß jeder: der Ifo-Fragebogen wird in aller Regel NICHT von der Geschäftsführung oder Kundigen ausgefüllt. Es sind Assistenzfunktionen, Marketingabteilungen, der Vertrieb, oder die Sekretärin. Und da man keine Zahlen zur Hand haben muss, um den Fragebogen auszufüllen, reicht ein Blick in die eigene kleine Seele, das Umfeld, ein kleines „ja, wie geht es uns eigentlich?“, um den eigenen Sermon in das Papier zu bringen. So, nochmal: und das soll jetzt weich sein? Ich nenne es ultra-butterweich. Streichfähig durch Pusten sozusagen.

Ad 2. Wenn es viele berichten, und wenn man gar nicht so genau wissen will, wie die Erhebungsmethodik zurecht gefriemelt wurde, dann wird es schon stimmen. Ob die Ergebnisse objektiv erhoben wurden, das wird stillschweigend angenommen, so wie ein Thermometer die Temperatur misst, auch wenn es mal ein bisschen Toleranzen gibt, wenn es 25 Grad + zeigt, dann wird es nicht schneien. Das ist genau das Problem mit vielen Daten in den Finanzmärkten, nein eigentlich in der gesamten Ökonomie: dass sie gesellschaftlich konstruiert sind in dem Sinne, dass sie nicht auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten beruhen, sondern auf Normen, Konventionen. Sie sind performativ. Zur Erinnerung: das hat nichts mit enormer Performance zu tun, sondern damit, dass kollektive Kalkulationen aus sich heraus eine Funktion erfüllen, nämlich dass sie legitimiert sind, weil alle sie nutzen, nicht aber, weil sie objektive Ergebnisse produzieren. Das höchste der Gefühle in der Performanz ist übrigens die selbsterfüllende Prophezeiung.

So, ’nuff said. Kommen Sie gut in und durch das Wochenende und bleiben Sie uns gewogen.

Ihr

Ralf Frank

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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