Berufsethos – unnütz? Irrelevant?

Ralf Frank

Liebe Mitglieder, liebe Freunde der DVFA,

erinnern Sie sich noch an die Havarie der Costa Concordia im Januar 2012? Zum Zeitpunkt des Unglücks befanden sich 4229 Menschen an Bord. Insgesamt 32 Menschen fanden den Tod. Was für Schlagzeilen und Empörung sorgte war, dass Kapitän Francesco Schettino das havarierte Schiff verließ noch bevor alle Passagiere gerettet waren. Schettino wurde als Feigling, als unwürdig für die Profession der Seeleute, als Schuft bezeichnet. Der Kapitän geht von Bord, obwohl eine eherne Regel, ein Ehrenkodex besagt, „so etwas tut man einfach nicht“. Hatte sich Schettino dadurch, dass er sein eigenes Leben rettete, während sich Passagiere noch in Lebensgefahr befanden, strafbar gemacht? Stellt es einen Straftatbestand dar, wenn der Kapitän Passagiere und Besatzung in Seenot im Stich lässt? Wir alle kennen die aus Filmen oder Büchern überlieferten Bilder untergehender Schiffe, auf denen der Kapitän als einsamer letzter Mann auf der Brücke verharrt und mit seinem Schiff untergeht.

Paragraph 28, Absatz 2 des deutschen Seemannsgesetzes besagt, dass Besatzungsmitglieder bei Seegefahr, erst recht bei drohendem Schiffbruch, und so der Kapitän noch an Bord ist, das Schiff nur mit seiner Einwilligung verlassen dürfen. Das lässt sich so verstehen, dass die Besatzung tun und lassen kann, was sie will, wenn der Kapitän schon von Bord gegangen ist. Extrem gedacht hätte die Besatzung der Costa Concordia nach Schettinos Verlassen des Schiffes auch das Weite suchen und die Passagiere ihrem eigenen Schicksal überlassen können. Dies ist zum Glück nicht geschehen.

Käme also das deutsche Seemannsgesetz zum Tragen (es ist davon auszugehen, dass die italienische Gesetzgebung ähnlich Gesetze wie das deutsche Seemannsgesetz kennt), dann hätte sich Schettino nicht strafbar gemacht, weil er nicht erst als Letzter von Bord gegangen ist. Wobei die Ursache der Havarie, ob es sich um Leichtsinn oder mangelnde Aufsicht gehandelt hat, zu einer Anklage geführt hat. Aber darum geht es mir in diesem Beitrag nicht.

Mit geht es um die Frage, wie sich Professionals verhalten, verhalten sollten, und welche Erwartungen außerhalb rechtlich klar sanktionierter Vorfälle existieren. Schettinos Verhalten, und das Entsetzen, das es ausgelöst hat, können als Präzedenz eines Verstoßes gegen das seemännische Ethos verstanden werden.

Der Duden definiert Ethos als eine „vom Bewusstsein sittlicher Werte geprägte Gesinnung, [eine] Gesamthaltung“. Ein Ethos besteht aus Wertorientierungen, Überzeugungen, Verfahrensregeln und Normen, die innerhalb eines Berufsstands als gemeinhin akzeptiert gelten und somit in Anspruch genommen werden können, d.h. wenn sich ein Professional vermeintlich nicht an ethischen Grundvorstellungen orientiert, setzt er sich und seine Glaubwürdigkeit einem Stresstest aus. Ethische Wertorientierungen sind nicht sanktionierbar; das unterscheidet sie von Gesetzen. Dennoch kommt ihnen eine viel größere Rolle in der Koordinierung und Darstellung professionell sinnvollen Handelns zu, als gemeinhin angenommen.

Nur weil gerade keiner schaut, keine Polizeistreife oder ein Blitzer in der Nähe ist, würde kein Mensch gutheißen oder akzeptieren, dass Autofahrer mit 180 km/h durch die Innenstadt rasen. Wer dies tut, setzt sich massiver gesellschaftlicher Kritik aus, gerade wenn dann etwas passiert. Und jeder von uns würde massive Störgefühle bekommen, wenn der behandelnde Arzt statt minimaler Invasion und Therapie grundsätzlich immer seine Apparatemedizin zum Einsatz bringt, weil er die Umsätze seiner Praxis optimieren will. (Hier geht es nicht darum, ob Ärzte so etwas tun, oder ob es nicht den ein oder anderen gibt, der sich so verhält. Die gesellschaftliche Erwartung an ein professionelles Handeln, das nach der medizinisch richtigen Therapie fragt, würde dadurch nicht außer Kraft gesetzt.)

Professionen sollten ein Ethos besitzen und pflegen. Pflegen durch Reflexion, die fragt, wie professionelles Verhalten aussehen soll, und wie im Zweifelsfalle „schwarze Schafe“ identifiziert und zur Strecke gebracht werden. Dies ist keine krude Idee der DVFA im Jahre acht der Finanzkrise, sondern in den meisten Professionen gelebte Normalität! Der schlagende Grund für die Selbstregulierung einer Profession nach strengen Kriterien und ethischen Grundregeln liegt dabei auf der Hand: Selbstregulierung stellt einen Entlastungsmechanismus für den Gesetzgeber dar. Mehr Selbstregulierung bedeutet weniger staatliche Regulierung, und wer wollte in Frage stellen, dass unsere Märkte von einem Nebeneinander von verschiedenen Regulierungsmaßnahmen beherrscht werden, bei dem eine Folgenabschätzung und auch Kollateraleffekte häufig gar nicht bedacht wurden, weil politischer Aktionismus hier die Hand führte.

Ich hatte im vergangenen Jahr die Gelegenheit, mit Ausbildern von Seeleuten an der Universität Wismar/Warnemünde zu sprechen. Was dort über Francesco Schettino zu hören war, spricht eine eindeutige Sprache: so jemand solle nie mehr wieder ein Schiff führen dürfen. Bestehen in unserer Branche ähnliche Erwartungen oder Handlungsmaximen, nach denen es Fehlverhalten gibt, nach denen ein Berufsangehöriger aus der Profession ausgeschlossen gehört? Nassim Nicholas Taleb, der Autor von The Black Swan, formuliert es in seinen Ten principles for a Black Swan-proof world so: „People who were driving a school bus blindfolded (and crashed it) should never be given a new bus.“

In diesem Sinne: kommen Sie gut ins und durchs Wochenende und bleiben Sie uns gewogen,

Ihr

Ralf Frank

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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