Können wir digitale Finanzen? Oder besser: wollen wir digitale Finanzen?

Ralf Frank

Liebe Mitglieder und Freunde der DVFA,

Frank am Freitag nun zum x-ten Male am Montag. Langes Wochenende. Andere Dinge im Kopf. Aber.

Am Sonntag schrieb Boris Pofalla in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über Bargeldmangel in Berlin. Die Mitarbeiter der Sicherheitsdienste, die Bargeld zu den Automaten transportieren, sind im Streik. Bargeld wird knapp. Kein Problem sollte man denken. Hat doch fast jeder Plastikgeld, EC- oder Kreditkarten. Bofinger ereiferte sich kürzlich sogar, die komplette Abschaffung des Bargeldes zu fordern.

Der Deutsche liebt Bargeld. Nur Bares ist Wahres. Nun geht es mir hier nicht primär darum zu bemängeln, wie lausig es um die Akzeptanz von Kreditkarten bestellt ist. Service-Wüste Deutschland, draußen nur Kännchen etc. Wer viel unterwegs und auf Taxen angewiesen ist, weiß, wie das ist z.B. am Frankfurter Flughafen oder in Tegel. Wer mit der Kreditkarte zahlen will, der wird angeschaut, als wenn er Naturaltausch oder Falschgeld angeboten hätte. Selbst für eine Fahrt über EUR 30 machen bei Kreditkartenzahlung die meisten Taxifahrer keinen Finger krumm. Pofalla berichtet in seinem Artikel über Berliner Szene- und Trendläden, die so was von Avantgarde und hip sind, aber dennoch nur Bargeld akzeptieren. Provinziell. Schon Anfang der 90-er Jahre während eines beruflichen Aufenthalts in Paris habe ich einzelne Croissants mit der Visa-Karte bezahlt. Dumm geschaut hat da keiner.

Was mich bewegt, das ist die Frage, wie die FinTechs Fuß fassen werden angesichts dieser sturen und altmodischen Einstellung zu Geld, die vielen Deutschen anscheinend zu eigen ist. Nehmen wir die für den Verbraucher einfachste und den FinTech-Dienstleister naheliegendste Dienstleistung: die Zahlung. Die meisten Smartphones sind heute schon mit einem NFC-Chip ausgestattet, der es dem Nutzer ermöglicht, mit dem Smartphone berührungslos zu zahlen. Es gibt aber noch nicht viele „Points of Sale“, an denen das möglich ist. Schauen Sie mal hier. Das alte Henne-Ei-Problem: das Zahlen mit dem Mobile wird nicht genug nachgefragt, weswegen es noch nicht viele Geschäfte gibt, die das anbieten, weswegen viele Nutzer gar nicht auf die Idee kommen, Mobile Payments nachzufragen usw. usw. Meine These: solch einen Teufelskreis kann nur ein Konzern wie Apple durchbrechen, der über eine ausreichende Population von Endgeräten in den Märkten verfügt, UND der dem Handel Beine machen kann, weil er ein potenziell ergiebigeres Publikum bedient, das nicht nur zwei Dosen Bier und eine Tüte Chips kauft, sondern Schampus und Kaviar (OK, Vorurteile, aber wie sagt der Lateiner: cum grano salis).

Deutschland gehört digital in die 3. Welt. Wer mal in der U-Bahn in Peking die Bandbreite des kostenlosen WiFis erlebt hat, und danach in deutschen Hotels z.B. in Berlin ein Rinnsal für Umme angeboten bekommt (oder für schlanke 20,- EUR/Tag eine nach wie vor lausige Bandbreite, unverschämt!), der wird mir zustimmen. Hier ist ein Kulturwandel dringend erforderlich, wohlgemerkt weniger beim Konsumenten, sondern bei Handel und Dienstleister.

Also, liebe FinTechs: nehmt den Handel und die Dienstleister in die Zange, und schafft eine intelligente Migrationsstrategie um am Point of Sale für mehr Akzeptanz für Mobile Payments zu sorgen. Es muss einen smarteren Weg geben, als es dem Einzelhandel oder Travel & Tourism selbst zu überlassen. Sonst stehen wir wieder an dem Punkt, an dem AOL (liebe Jungs und Mädchen: das war einmal ein großer und bedeutender Internet Service Provider) Boris Becker (das war einmal ein Tennis-Star) werblich vor den Karren spannte, der auf seine unvergleichlich nölige Art mit den Worten „äh, bin ich schon drin?“ dem Glücksgefühl Anfang 2000 zum Ausdruck verhalf, dass es geklappt hat, ins Web zu kommen, und weder das Modem gestreikt hat, noch sonst irgendetwas fehl gelaufen war. Ja, so war das damals in den Zeiten von Netscape und WAP.

Kulturwandel muss aber auch der Endverbraucher vollziehen. Das ist vermutlich eher ein biologisches Problem.

Leute in meinem Alter haben jede Menge Bücher, Platten und CDs im Schrank. Wenn unsere nachwachsenden Rohstoffe überhaupt noch Bücher lesen, dann eher auf dem Kindle oder dem Tablet. Was hatte ich vor zwei Jahren noch von Murakami gelesen? Kurzer Gang ans Bücherregal. Niente, hatte ich alles für den Urlaub auf das iPad geladen. Schade, macht sich im Bücherregal besser als im Dateiverzeichnis auf dem iPad. (Und wenn ich meinen Amazon-Account gekündigt habe, dann ist alles weg, und zwar endgültig.) Wer Spotify oder Deezer auf dem Smartphone hat, der hat Zugang zu mehr Alben, als der Plattenladen von früher im gesamten Lager. Kann er sich auch herunterladen, bis der Speicher kracht. Und auch hier: ist der Account weg, ist auch die gesamte Musik fort. Der Nutzer muss akzeptieren, dass er die Musik nicht mehr physisch in Form einer kleinen Scheibe besitzt, sondern nur noch in Form von Nutzungsrechten, die aber hinfällig sind, wenn er kein Kunde mehr sein will. Das mag manchem Teenager völlig irrelevant vorkommen, aber ich habe mich dabei beobachtet, dass ich Musik nicht nur auf Spotify hören, sondern besitzen möchte. Aber bitte schön: ich bin vermutlich auch nicht Zielgruppe für diese Services.

Kommen Sie gut durch die Woche und bleiben Sie uns gewogen

Ihr

Ralf Frank

PS: Morgen findet die alljährliche Currywurst-Gartenparty der DVFA statt. Ihre persönliche Einladung ging Ihnen per Mail zu. Ich hoffe, dass Sie sich schon angemeldet haben. Es gibt noch ein paar Reserve-Würstchen, melden Sie sich an, aber dalli!

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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