Wordsmith. Wortschmied. Demnächst auch für Finanzanalysten?

Ralf Frank

Liebe Mitglieder und Freunde der DVFA,

in dieser Woche beschäftigte sich der DVFA Kongress mit dem letzten regulatorischen Tsunami, der MiFID II. Gerade beim Thema Research/Inducements (Research, sagt die MiFID II ist Zuwendung, es muss vom Broker eingepreist werden, der Anleger muss dafür zahlen, aber unter keinen Umständen mit Commissions, um nur mal ein paar Punkte zu nennen) erhitzen sich selbst Investment Professionals, die sich normalerweise durch aristokratische Kühle auszeichnen.

Was ist der Stein des Anstoßes? Viele Sell-side Vertreter sind besorgt, dass sich für das Research zu Small oder Mid Cap Unternehmen keine ausreichende Anzahl von Kunden interessiert bzw. sich die Produktion von Research für diese Größenordnung nicht mehr darstellen lässt, was dazu führen könnte – könnte! – dass kleinere Unternehmen aus dem Universum fliegen und nicht mehr gecovert werden.

Kein Mensch weiß, ob es so kommen wird. Einer Studie der DVFA nach geht es dem börsennotierten Mittelstand schon heute nicht gut. Im Schnitt covern 2,2 Finanzanalysten den Mittelständler, während es beim MDAX durchschnittlich 20, im DAX gar 30 sind. Aber diese Zahlen sagen noch nicht viel aus. Coverage braucht Vielfalt: Als Unternehmen brauche ich Research von den Bulge Brackets, aber auch vom Spezialisten, möchte globale institutionelle wie auch Retail Reichweite, möchte in den genossenschaftlichen wie auch in den öffentlich-rechtlichen Sektor reichen usw.. Also: Schlimmer kann es für die Small Caps eigentlich kaum kommen. Aber es hat dann vielleicht auch sein Gutes: Research ist nicht gottgegeben. Das muss man sagen dürfen. Viele Mittelständler sind schon heute gezwungen, für Research zu bezahlen.

MiFID II kommt. Und es zeichnet sich, das hat die Diskussion auf dem DVFA Kongress gezeigt, auch kein einheitliches Muster ab, nach dem sich Sell- und Buy-side auf die MiFID II einstellen. Die einen bauen Buy-side Research aus, die anderen überlegen, wie sie sich die Researchkosten von ihren Kunden budgetieren lassen können. Die einen überlegen, ob sie Research wie bei eBay meistbietend versteigern, die anderen stellen ihre Research Unit erst einmal als GmbH auf eigene Füße.

Die eigentlich interessante Frage ist aber, wie sich die MiFID II auf die Marktdemographie auswirken wird: wird die MiFID II die Anzahl von Finanzanalysten reduzieren? (Sie wird, so viel scheint klar, die Anzahl der Sell-side Analysten zumindest nicht erhöhen.) Aber auch von der technologischen Front droht Gefahr: Roboter!

Wie die FAZ am 17. April diesen Jahres berichtete werden schon zunehmend journalistische Standardtexte durch eigenständig agierende Robotersoftware geschrieben, z.B. durch Wordsmith.

Für Associated Press extrahiert die Software dabei Daten aus Nachrichten und fertigt damit Berichte an. War dazu in der Pilotphase noch notwendig, dass ein Redakteur gegenliest, so gehen die Berichte heute ohne weiteres „manual interface“, wie es so schön heißt, in die Öffentlichkeit. Nun lässt sich abschätzen, dass Roboter vermutlich keine „Edelfedern“ ersetzen werden. Kreativität und Sprachwitz lassen sich nun mal schwer in einen Algorithmus pressen.

Aber wenn es schon Roboter gibt, die Daten aus Unternehmensmeldungen herausfischen und in syntaktisch vernünftige Texte setzen können, was macht uns dann sicher, dass wir zukünftig noch Finanzanalysten für Maintenance Research brauchen? Oder die Analyse eines Quartalsberichtes? Klar, denkt man, das geht doch gar nicht. Associated Press sieht für die Wordsmith-Software auch andere Verwendungszwecken, z.B. im Sportressort, nämlich, wie uns die FAZ verklickert, um über Ereignisse berichten zu können, über die AP zuvor nicht geschrieben hat, etwa über College-Sport oder regionale Sportereignisse, Wahlprognosen oder Wettervorhersagen. Klingelt es da bei Ihnen?

Freunde, es ist eine Frage der Zeit, bis irgendwer in der Finanzdienstleistungsindustrie auf die Idee kommt, den Roboter an die Tasten zu lassen. Die MiFID II sensibilisiert die Marktteilnehmer für den Preis und damit den Wert von Research. Es ist Teil der Übung für den Asset Manager, sich mit Kriterien für Research auseinander zu setzen. Wollen wir wetten, dass dabei einige Spielarten von Research, z.B. die, die gemeinhin als number crunching geringschätzt werden, über die Klinge springen werden, weil Kunden den Preis nicht bezahlen wollen, den der Broker nolens volens aufruft?

Mal allgemein gesprochen: hier sehe ich persönlich die Chance, die MiFID II dem Broker bietet. Research als Dienstleistung bekommt einen Preis, und der Kunde sieht, was er eigentlich alles erhält, aber zukünftig bezahlen muss. Es ist unvermeidlich, dass bestimmte Services – und dazu zähle ich die Fleißarbeiten, die von Finanzanalysten erledigt werden müssen – gar nicht überleben können, weil sie bislang qua Quersubvention aus den Commissions mitgetragen wurden, aber künftig niemand mehr dafür bezahlen wird. Das ist Marktwirtschaft, und sie tut dem Research gut, verschafft dem Finanzanalysten Anerkennung, einige werden gewinnen, einige werden verlieren. Life is hard, and then you die.

Kommen Sie gut ins Pfingstwochenende und bleiben Sie uns gewogen,

Ihr

Ralf Frank

 

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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