Buchrezension „Unter Bankern: Eine Spezies wird besichtigt“

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von Joris Luyendijk (Autor), Anne Middelhoek (Übersetzer)

Finanzkrise. Banker. Lehman. Regulierung. Bail-out. Exzesse. Unfähig, aus der Krise zu lernen. Hohe Boni. Hebeln bis die Schwarte kracht. Libor.

Wer will das eigentlich noch hören? Wer braucht die x-te Analyse der Entstehungsgeschichte der Finanzkrise? Ist doch schon alles gesagt, oder? Des Bankers neue Kleider. The Subprime Solution. Animal Spirits. Flash Boys. Lords of Finance. Der Crash des Kapitalismus. Amazon liefert 3.781 Artikel zum Stichwort „Finanzkrise“. Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von allen.

Und jetzt auch noch eine ethnographische Beschreibung von Bankern als Spezies. Von einem, nun ja, Milchgesicht. Beim Lesen des Klappentextes kommt einem unwillkürlich in den Sinn, das sei doch wieder so eine von den Abhandlungen à la „the world according to“, muss einmal gesagt werden, Stammtisch. Leider falsch. Völlig falsch! Dieses Buch ist zu empfehlen!

Zunächst ist ja die Ethnographie eine Technik der verstehenden Anthropologie, in der durch Feldforschung Eindrücke festgehalten werden, wie eine soziale Gruppe, ein Stamm von indigenen Völkern „tickt“, wie dort Sinnhaftigkeit gesellschaftlich konstruiert wird. Durch die aktive Teilnahme im Feld, d.h. durch Leben in der Gruppe, versucht der Forscher, das Zusammenleben, die Organisation und die kulturellen Ausprägungen zu beschreiben, das jedoch – und das ist der Kern der Ethnographie – aus der Sichtweise der Angehörigen.

Banker als eine geschlossene Gruppe zu verstehen, das ist zunächst ein Kunstgriff von Herrn Luyendijk. Schon in der traditionellen Anthropologie wurde trefflich darüber gestritten, ob denn eine Community oder eine Sprachgruppe bereits als so geschlossen betrachtet werden kann, dass die ethnographische Arbeit für das Untersuchungsobjekt überhaupt verallgemeinerbare Erkenntnisse gewinnen kann. Für Banker würde ich dies aber bejahen und zwar aus einem Grund: das Wertesystem, der „speak“, das von außen undurchdringliche System, mithin die seltsam anmutende Haltung von Bankern, in Zeiten eines regulatorischen Tsunamis still zu halten, zu erdulden, um dann im Jahre acht der Krise noch weit verschuldeter da zu stehen (im Vergleich zu 2008, zumindest einige Banken), das deutet schon darauf hin, dass es im Verhältnis der realen Wirtschaft zum Banking eine gewissen Undurchlässigkeit gibt.

Luyendijk hat über 100 Interviews geführt mit Bankern aus den verschiedensten Bereichen, von Privatkunden-Bankern über Credit Desk, Vermögenswaltung bis hin zu Investmentbanking. Ratinganalysten, Journalisten, Regulatoren wurden auch gehört.

Mithin am besten gefallen mir an dem Buch zwei Aspekte: Luyendijk spricht (außer im Titel) nicht von Bankern, sondern er differenziert stark zwischen den einzelnen Funktionen und den jeweiligen Finanzinstituten, für die seine Interviewpartner arbeiten. Das dient einer ruhigen und abgewogenen Urteilsbildung ungemein. (Und mal ganz ehrlich: Jeder weiß, dass es in Banken mehr Bereiche gibt, die jahrein, jahraus gute im Sinne von solide und ehrliche Geschäfte getätigt haben, als es Kasinos gibt. Eigenhandel war einmal, und die Anzahl der Banker, die den Libor manipuliert haben, dürfte überschaubar sein.)

Das zweite, was ins Auge fällt, das ist eine Richtigstellung: nicht der Mensch „Banker“ ist verkommen, sondern das System, das kurzfristiges Denken, den Hang zum schnellen Profit fördert, und das einer strukturierten Verantwortungslosigkeit nicht ausreichend Widerstand bietet.

Darüber hinaus ist das Buch sehr unterhaltsam geschrieben, und Luyendijk versteht es, sich als Ethnographen mit einer wohltuenden Ironie selber nicht zu ernst zu nehmen.

Kommen Sie gut durch die Woche und bleiben Sie uns gewogen

Ihr

Ralf Frank

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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