Hab’ ich’s doch gewusst!

Ralf Frank

Liebe Mitglieder und Freunde der DVFA,

es geht in diesem Artikel nicht darum, ob VW ein nachhaltiges Unternehmen ist, oder ob es sich dem Thema Nachhaltigkeit ausreichend verschrieben hat. Es geht um die Frage, wie sich die Nachhaltigkeitsleistung von VW am Finanzmarkt abgebildet hat. Mithin also in erster Linie um Nachhaltigkeitsratings.

Aus gutem Grund werden im Kapitalmarkt drei Themengebiete – Umwelt, gesellschaftliche Themen und Corporate Governance – zu ESG verdichtet. Das „G“ ist wichtig, aber häufig nicht gut zu quantifizieren. Grund dafür ist, dass Corporate Governance, also vorbildliche und regelkonforme Unternehmensführung, mittlerweile als Schlüssel für unternehmerisch hervorragende ESG Performance gilt. Wirtschaftsprüfer sprechen gerne vom „tone at the top“, d.h. was der Vorstand als unternehmerische Kultur durchsetzt macht Schule, wird verbindlich und damit handlungsleitend. Wenn der CEO „keinen Plan“ hat, was das Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit unternimmt, dann ist das kein Einzelfall – wie Investoren immer wieder seit Jahren berichten. Ärgerlich, aber nicht tragisch.

Tragisch wird es, wenn der Vorstand eine Unternehmenskultur vorlebt, die keine Fehler duldet, in der nach dem Peter Principle gelebt wird: Nach dem der beste Schraubendreher Chef der Schraubendreher wird – und er am Ende noch über den Klang der Motorhaube entscheidet. Eine Kultur, in der man im Umgang mit Investoren und Finanzanalysten wie auch Dienstleistern und Kunden vermutlich fragt: „Was fällt denen eigentlich ein? Haben die überhaupt promoviert?“ Eine Kultur, in der Angst regiert. Board Dictatorship statt Corporate Governance. Dies, so ist der Konsens in der geschätzten Wirtschaftspresse und unter Investment Professionals, war eine der wesentlichen Zutaten für den VW-Skandal. Eher ein Thema der Ethik als der Nachhaltigkeit.

Investoren haben einen anderen Zugang zu Unternehmen als dies Nachhaltigkeitsratingagenturen in aller Regel vergönnt ist. Investoren und Finanzanalysten haben den Vorteil, sich im Rahmen ihrer Aufgaben ein eigenes Bild vom Unternehmen oder dem Management zu verschaffen, und zwar durch persönliche Gespräche mit dem Vorstand. Man muss nicht erst zehn Folgen „Lie to me“ gesehen, oder Paul Ekman gelesen haben, um zu wissen, dass sich manchmal schon auf der zwischenmenschlichen Ebene Eindrücke ergeben, die Vertrauen erschüttern oder eine gesunde Skepsis hervorrufen. Der Aufsichtsrat legt die Dividende fest, an dem sich sein eigenes Gehalt bemisst. Mit guter Corporate Governance schlichtweg nicht vereinbar. Es ist manchmal so einfach, und man benötigt keine 47 KPIs dafür. Glaube ich dem Vorstand oder bekomme ich das, was man in der Psychologie kognitive Dissonanz nennt, d.h. Aussagen und Handlungen passen nicht zueinander?

Viele Investoren standen der Corporate Governance von VW sehr kritisch gegenüber. Ich bin davon überzeugt, dass viele der Ratinganalysten der bekannten Nachhaltigkeitsratingagenturen die Zeichen bei VW klar erkannt hatten und auch hätten benennen können. Dennoch: Ich war sehr verwundert, dass einige der Agenturen nach Bekanntwerden des Skandals bei VW anscheinend nicht umhin konnten, darauf hinzuweisen, dass ihr Rating die nunmehr bekannten Skandale schon „eingepreist“ hatten. Dies ist, mit Verlaub, Klugscheißerei. Betrug ist Betrug. Wer klare Beweise dafür hatte, hätte den Staatsanwalt einschalten müssen. Wenn keine Beweise vorlagen, ja vorliegen konnten, dann handelt es sich um induktive Urteile, d.h. ich schließe aus bestimmten Fakten, dass bestimmte Sachverhalte eintreten können, nehme an (aber weiß nicht), dass ein Unternehmen mit einem autokratischen Führungsstil, noch dazu mit Bekenntnis zu einer Technologie, die im Verruf steht, einfach nicht sauber sein zu können, auf Abwege geraten könnte. Wenn ein solches Unternehmen dann Abwege beschreitet, wäre es konkludent, nach Luhmann sogar kontingent, aber es liegt keine Zwangsläufigkeit vor.

Der VW-Skandal war die Nagelprobe für Nachhaltigkeitsratings, um nachvollziehen zu können, wie die miserable Corporate Governance das Gesamtrating beeinflusst. Nicht aber, um den Agenturen vorzuhalten, dass sie den Skandal nicht haben kommen sehen. Deshalb sollten die Nachhaltigkeitsagenturen auch nicht von sich aus den Fehler machen, so zu tun, als besäßen sie eine Kristallkugel.

Bleiben Sie uns gewogen

Ihr

Ralf Frank

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im GoingPublic Magazin Dezember 2015.

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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