Über die Umsetzung des neuen Intransparenzrichtlinien-Umsetzungsgesetzes

Liebe Investment Professionals,

in dieser Woche hat die neue Berichtssaison begonnen. Erstmals veröffentlichen Unternehmen ihre Quartalsberichte nach dem neuen Transparenzrichtlinie-Umsetzungsgesetz. Hinter diesem Wortungetüm versteckt sich nichts weniger als die Streichung der bisherigen Verpflichtung börsennotierter Unternehmen, aussagekräftige Quartalsberichte zu veröffentlichen. In Zukunft liegt es im Ermessen des Emittenten, welche Informationen die wesentlichen Geschäfte innerhalb des Mitteilungszeitraums abbilden und die Auswirkungen auf die Finanzlage des Unternehmens in ausreichendem Maße widerspiegeln. Statt eines integrierten Quartalsabschlusses mit Gewinn- und Verlustrechnung, Bilanz und Kapitalflussrechnung sollen nun Eckdaten für die Entscheidung eines Anlegers ausreichend sein, sich an einem Unternehmen zu beteiligen oder nicht.

Da hilft es wenig, wenn beispielsweise die Börsenordnung der Frankfurter Wertpapierbörse zwar für die im Prime Standard notierten Unternehmen weiterhin die Veröffentlichung von Quartalsberichten vorsieht und sich für diese Unternehmen somit keine wesentlichen Änderungen der Berichtspflichten ergeben. Für die aktuell 157 Unternehmen, die am General Standard notiert sind, sind die Auswirkungen indes erheblich: Für sie entfällt zukünftig die Pflicht zur Veröffentlichung von Q1- und Q3-Berichten. In puncto Finanztransparenz unterscheiden sie sich damit nicht mehr von Unternehmen des Entry Standards.

Unternehmen veröffentlichen Finanzberichte, um ihren Aktionären ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Emittenten gemäß dem angelsächsischen Grundsatz des „true and fair view“ zu vermitteln. Neben dieser vergangenheitsorientierten Darstellung sollen Investoren auch über die vom Management erwarteten Entwicklungen im Unternehmen und in der Branche in Kenntnis gesetzt werden. Für Finanzanalysten und Investoren haben standardisierte Unternehmensberichte den entscheidenden Vorteil, dass sie in der Regel mit wenigen Handgriffen zu einer fundierten Einschätzung der operativen Entwicklung kommen.

Wer nun behauptet, eine halbjährliche Berichtsfrequenz wäre doch ausreichend, verkennt die Veröffentlichungspraxis der Unternehmen: Wenn Emittenten am Entry Standard termingerecht veröffentlichen – und bemerkenswerterweise nutzt die überwiegende Mehrheit der Emittenten die vorgeschriebenen Fristen bis zum letzten Tag aus – erscheint der Halbjahresbericht am 30. September eines Jahres, der Jahresabschluss am 30. Juni des Folgejahres. Von diesen Unternehmen erfährt der Investor im Zweifel über einen Zeitraum von neun Monaten: nichts. Dies mag in Zeiten von Eisenbahnaktien noch akzeptabel gewesen sein, im Internetzeitalter trennen neun Monate mindestens zwei Generationen.

Das Gesetz trägt daher den falschen Namen. In Wahrheit sollte es Intransparenzrichtlinie-Umsetzungsgesetz genannt werden. Natürlich wird kein Unternehmen daran gehindert, die Veröffentlichungspraxis wie bisher fortzuführen. Diejenigen, die sich anders entscheiden, sollten sich jedoch nicht wundern, wenn ihre bisherigen Aktionäre ebenfalls eine Entscheidung treffen: Eine, die die Kapitalkosten substanziell erhöht. Denn der Intransparenz-Abschlag auf die Aktie dürfte erheblich sein.

Beste Grüße

Ihr

Peter Thilo Hasler

Disclaimer: Die in der Reihe Positionen im DVFA-Blog vertretenen Meinungen geben nicht unbedingt die Position der DVFA wieder.

Über Peter Thilo Hasler

Peter Thilo Hasler, CEFA ist Gründer und Analyst der Sphene Capital GmbH. Er ist Mitglied des Vorstands des DVFA e.V. und Dozent für Unternehmensbewertung an der Münchener FOM.

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