Wenn Wissen nicht mehr Ah! macht, oder: warum lebenslanges Lernen keine hohle Phrase ist.

Ralf Frank

Liebe Mitglieder und Freunde der DVFA,

Wissen und Lernen sind unauffällige Themen. Zunächst. Jeder weiß etwas, verfügt über Wissen, die Finanzindustrie ist ohnehin eine Wissensindustrie, und wer hier arbeitet, der muss über viel Wissen verfügen, wirtschaftliches, finanzwirtschaftliches, wissenschaftliches, verfahrenstechnisches Wissen. So weit, so gut.

Heikel wird es, wenn man die Halbwertzeit von Wissen anspricht. “Halbwertzeit? Wie bitte? Mein Wissen ist nach wie vor auf Höhe der Zeit, auch 20 Jahre nach meiner Ausbildung!”

Damit ich nicht womöglich als mit dem Finger auf andere zeigend missverstanden werde, hier aus meinem Nähkästchen ein Beispiel, was ich meine: meinen MBA habe ich vor knapp 18 Jahren in UK erworben. Was habe ich gelernt? Und wie viel von dem ist heute noch aktuell? Syllabi von Ausbildungsprogrammen sind notgedrungenerweise nicht immer tagesaktuell. In der Zeit von 1996-1998, als ich an der Business School studierte, war von Start-ups, Neuem Markt noch nicht die Rede. Man sprach von “Entrepreneurial Spirit” usw., aber 22-jährige Bilderstürmer an den Börsen kamen in den Textbooks nicht vor. Damit ist auch klar, dass auch die Finanzkrise, Subprime, keine Behandlung gefunden haben, und heutige Mainstreamthemen wie Behavioral Finance oder die neue Nachdenklichkeit der Ökonomen (“Debunking Economics”) noch nicht zum Syllabus meines MBAs gehörten.

Wissen überaltert. Das ist an sich nichts Neues. Man spricht von der Halbwertzeit des Wissens und meint damit, wie lange erworbenes Wissen noch aktuell und in der Praxis anwendbar ist. So geht man davon aus, dass ungefähr die Hälfte des Wissens, das in der Schule erworben wurde, nach 20 Jahren überholt und veraltet ist. In Bereichen wie z.B. der IT-Programmierung geht man davon aus, dass der Umschlag des Wissens nur 3 Jahre (!) beträgt, was nichts anderes heißt, als dass mein Wissen als IT-Programmierer innerhalb von 3 Jahren veraltet, wenn ich mich nicht weiterbilde. Hochschulwissen hält im Schnitt 8-9 Jahre, berufliches Fachwissen ca. 5 Jahre. Prof. Hariolf Grupp vom Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovation spricht von der Notwendigkeit Berufsangehöriger, “die Abschreibung ihres Wissens” akzeptieren. Und nachzulegen, heißt: sich kontinuierlich weiterzubilden, um die Abschreibung zu kompensieren.

Galt es früher noch als gesichert, dass Lebensalter = großer Erfahrungsschatz = mehr Wissen als Jüngere, so geht man heute davon aus, dass fünf Jahre lange Abstinenz von Wissenserwerb dazu führt, dass man sich sozusagen aus dem Kreis der Wissenden herauskatapultiert hat. Alle fünf Minuten wird eine neue medizinische Erkenntnis dokumentiert, jede Minute eine neue chemische Formel entdeckt.

Wissen wird in Deutschland, spätestens seit Günther Jauch, oft mit Faktenwissen gleichgesetzt. Wann begann der 30-jährige Krieg? Wie hoch ist das Ulmer Münster? Wie viel Eier, Butter, Milch kaufen Rentnerinnen durchschnittlich im Internet pro Tag? Glaubt man Hochschullehrern, dann hat uns Pisa und Bologna ein Verhalten von Studenten beschert, das man als instrumentelles Lernen bezeichnen kann: es geht beim Wissenserwerb lediglich um die Frage, ob das Thema prüfungsrelevant ist. Falls nicht, weg damit, braucht man nicht, und tschüss. Vorbei die Tage, die die Älteren unter uns noch kennen, als man sich an der Universität mit vielen interessanten Fächern und Themen auseinandersetzen konnte, und auch nach Herzenslust verwerfen konnte.

Zurück zu den Älteren, dabei denke ich an Führungskräfte und Seniors, und was zu tun ist, um den Verfall des eigenen Wissens durch erneutes Lernen aufzufangen: es kann bei Seniors im Finanzbereich nicht darum gehen, Black Scholes Formeln zu pauken, oder DCF-Modellierung zu trainieren. Erstens hat man dafür die (jüngeren) Mitarbeiter, zweitens werden auf der Führungsebene solche Techniken nicht mehr angewendet, sind damit in gewisser Weise totes Wissen. Es geht bei Führungskräften eher um den Umgang mit dem, was Samuel Arbesman Mesofacts nennt: “facts that change at the meso-, or middle, timescale”. Und es geht um kommunikative, soziale Skills.

Nehmen wir ein Beispiel für ein Mesofact im Finanzbereich: Regulierung. Die aktuelle Regulierung von z.B. Wertpapierhandel zu kennen, entspricht technischem Wissen. Hingegen zu wissen, wie sich Regulierung über die Jahre gestaltet hat, wie aus dem politischen Rahmen heraus Regulierung entsteht, warum sie einem gesellschaftlichen Trend der Technologisierung folgt, dies entspräche Wissen über Mesofacts. Dies zu wissen, erklären zu können, und als reifes Wissen quasi als Entwicklungsleistung an das Team weitergeben zu können, oder sich im Rahmen der Erkenntnisse für bessere Regulierung einsetzen zu wollen, das wäre exemplarisch das Bild von Wissen von Führungskräften, das die DVFA propagiert. Und genau aus diesem Grund haben wir das CSIP-Programm (Certified Senior Investment Professional) eingeführt: Führungskräfte reflektieren unter sich und mit namhaften Dozenten die Mesa-Ebene von Finanzwirtschaft – sei es Regulierung, sei es Ethik, oder Behavioral Finance oder Innovation in Finance. Keine Prüfung, dafür spannende Reflexion mit Vordenkern aus Finance, Forschung und Wirtschaft.

Der nächste Jahrgang des CSIP beginnt am 7. Oktober 2016 in Frankfurt. Über 4 Blöcke, die jeweils freitags 15-21 Uhr und samstags 9-15 Uhr im DVFA Center stattfinden. Auf unserer Homepage finden Sie dazu alle nötigen Informationen.

Vielleicht denken Sie jetzt, “Ach so, der will mir also etwas verkaufen”. Ja, wir bei der DVFA sind davon überzeugt, dass nach 10 oder mehr Jahren nach dem CEFA, CIIA oder dem DVFA Investmentanalyst-Abschluss bei vielen Investment Professionals der Wunsch vorhanden ist, sich noch einmal mit beruflichem Wissen auseinander zu setzen. Ob das bei Ihnen der Fall ist, das entscheiden nur Sie.

Kommen Sie gut ins Wochenende und bleiben Sie uns gewogen.

Ihr

Ralf Frank

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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