Von der Kunst zu kategorisieren, oder: it’s just me, chicken little.

Ralf Frank

Liebe Mitglieder und Freunde der DVFA,

heute bin ich auf eine Studie aufmerksam gemacht worden, die ich zum Zeitpunkt ihrer Erscheinung im Juni diesen Jahres schlichtweg übersehen habe. Es handelt sich um ein Papier von Deloitte und Alfi, dem Luxemburger Verband der Investment Industrie: „How Can FinTech Facilitate Fund Distribution?“ Hier finden Sie die Studie.

Was mich als Soziologen interessiert (ein special interest), das ist, mit welchen Bildern und Generalisierungen gearbeitet wird, wenn Studien Kategorisierungen von Gruppen anhand ihrer Anschauungen und Verhaltensweisen enthalten. Wie mein früher Chef sagte, „we all know a granny who smokes 60 cigarettes a day and still runs a marathon.“ Soll heißen, dass man in den seltensten Fällen statistische Blattvergoldung benötigt, also z.B. 20.000 Menschen befragen muss, um eine Idee zu bekommen, wie die untersuchte Gruppe tickt. Ganz besonders heikel wird es, wenn die Kategorisierung auf Annahmen und anekdotischem Beweis beruht, aber gar keine empirische Untersuchung dahinter steckt.

Die Deloitte/Alfi-Studie spricht vom „Re-wired Investor“, auf Deutsch also dem neu verdrahteten Anleger. Warum neu verdrahtet? Es geht doch hier dem Titel nach offensichtlich um FinTech, also irgendetwas, das auf dem Smartphone, dem Tablet oder sonst wie online stattfindet. Kann sein, dass meine semantische Zwanghaftigkeit wieder Professor Higgins auf den Plan ruft, aber ich verstehe schon das Label der Kategorie nicht. Weiter geht’s.

Zunächst bringt die Studie Gründe, warum viele Anleger dem Wealth Management in seiner konventionellen Spielart den Rücken zukehren, und diese Gründe scheinen auch intuitiv glaubwürdig und plausibel – auch wenn hier kein N angegeben wird, oder wie viele Anleger untersucht wurden: mangelndes Vertrauen gegenüber dem Anlageberater, eine bessere Performance aus eigener Kraft (das glaube ich sofort, ist ja ein Vorrecht der Jugend, alles besser zu wissen und zu können), schlechte Qualität der Beratung, und – praktisch das Verdikt schlechthin – der wahrgenommene Mangel an Kompetenz des Beraters. Es gibt Gründe, geneigter Leser, warum die ESMA Vermögens- und Wertpapierberater dazu anhalten will, mehr in ihre Aus- und Weiterbildung zu investieren, und insbesondere die Frage stellt, was denn die Zugangsqualifikationen dieser Berufsgruppen sein sollten im Sinne von Minimumstandards. Bis gestern noch Fenster verkauft, ab heute Wertpapiere, das kann es nicht sein.

Jetzt aber zu dem Part der Studie, der mir Spaß macht, und (wenn ich so etwas hätte), in meiner  Quengelzone auftauchen würde. Hier werden nämlich 9 neue „Mentalitäten“ der neu verdrahteten Anleger aufgezählt, die die Autoren identifiziert haben. Interessant. Identifiziert? Wo? Wie? Durch Raten, durch teilnehmende Beobachtung, durch Stuhlkreise, oder Befragungen? Oder einfach nur durch Behauptungen, weil – seien wir doch ehrlich – wir wissen doch wie diese neuen Typen ticken: ständig das Mobile in der Hand, können keinen Satz mehr geradeaus sagen, anspruchslos auf allerhöchstem Niveau, dabei Selbstvertrauen wie ein Rudel Königspudel, alles immer sofort jetzt/hier/gleich, Vater, ich brauche deinen Wagen und die Kreditkarte usw. So sind die doch! Da brauche mer gar nich drübber redde, wie der Hesse sagt. Stimmt das auch? Wenn man im Englischen über ein Statement befindet „the world according to“, dann ist das keine Beschreibung, sondern eher ein Hinweis über eine verzerrte Wahrnehmung. The world according to ultraschlaue Unternehmensberater. Also, was sind denn nun die Mentalitäten, und was bitte schön bedeutet das Auftreten, die explosions- nein schwarm- (alles is Schwarm!!!)artige Verbreitung der Mentalitäten?

Just me – hallo, ich bin’s. Fängt schon mal anspruchsvoll an. Stay in control – soll heißen was …? Do it yourself – am besten mit einer App vielleicht? Anywhere, anytime – our life is even more turbulent now, chicken little. Digital & personal – vielleicht ein vergessener Platzhalter? Wisdom of my tribe – großartig. Schwarmintelligent, schwarmdoof. Skeptical of authority – klar die Youngsters sind geradezu ultrakritisch, wenn man sich z.B. die freiherzige Abgabe von persönlichen Daten anbetrifft; war bei den Eltern z.B. beim Census ganz anders. Risk defined as downturn – Moment mal, sagen nicht Verhaltensökonomen und NeuroFinanzler, dass unsere Risikoabneigung eh dominanter ist, als unser Hang zur Upside? Not a second class investor – natürlich nicht. We’re strictly second class, wie bei den Kinks.

Das ist – mit ganz viel Verlaub – Fischpackpapier, Phantasien, dreams/wishes/promises. Unseriös noch dazu, wenn Visionen, gegen die nichts einzuwenden ist, nicht als solche gekennzeichnet sind. Sondern als Bericht aus dem wirklichen Leben. Wenn mal ganz viele Jahre ins Land gegangen sind, dann wird man dieses Pamphlet und andere zur Hand nehmen, und sagen „Weißt du noch? Was man uns damals für einen Schmarren erzählt hat? Dass man mit dem Schweizer Taschenmesser ins Internet gehen könnte? – Ach Liebling, holst du mal für Oma die Einkäufe nach oben? Sie hat heute wieder Eier, Butter und Milch im Internet bestellt.“

Kommen Sie gut ins Wochenende, und bleiben Sie uns gewogen

Ihr

Ralf Frank

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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