Wohnimmobilienkreditrichtlinie in Deutschland – eine erste Bilanz

Seit 21. März dieses Jahres ist das Gesetz zur Umsetzung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie in Deutschland in Kraft. Seitdem dürfen Banken bei der Kreditwürdigkeitsprüfung von Privatpersonen nicht mehr vorwiegend auf Sicherheiten abstellen. Vielmehr steht die Fähigkeit zur Rückzahlung der Immobilienkredite im Vordergrund. Das zwingt die Banken, restriktiver vorzugehen. Betroffen sind ältere vermögende Personen mit kleineren Einkommen, junge Familien und Selbstständige mit schwankenden Einkünften.

Tatsächlich fiel das Neugeschäft mit privaten Immobilienkrediten in den Monaten April bis Juli 2016 um 13,2 Prozent schwächer aus als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Im Juli wurde mit -19,8 Prozent der stärkste Rückgang der letzten Jahre registriert. Der errechnete Rückgang hängt allerdings auch mit dem außergewöhnlich starken Neukreditgeschäft um die Jahresmitte 2015 zusammen. Im langfristigen Vergleich erreichen die Volumina neuer Immobilienkredite zunächst weiterhin ein gutes Niveau. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass unter der neuen Regelung regelmäßig Finanzierungsanfragen abgelehnt werden, die in der Vergangenheit aufgrund vorhandener Sicherheiten genehmigt wurden. Dass bisher kein drastischer Einbruch des Neugeschäftes registriert werden musste, ist lediglich der anhaltend hohen Immobiliennachfrage zu verdanken.

Aus den neuen Regeln ergeben sich nicht nur Probleme für Kunden, sondern auch für die Banken, die ihre Geschäfts- und Ertragspotenziale eingeschränkt sehen. Derzeit wird die bremsende Wirkung aus der Umsetzung der Richtlinie in Deutschland durch eine dynamische Immobilienkreditnachfrage überdeckt. Diese sorgt für hohe Neugeschäftsvolumina, obwohl vermehrt Kunden durchs Raster der Kreditwürdigkeitsprüfung fallen. Und die jüngste Entwicklung der Wohnungsbaugenehmigungen deutet darauf hin, dass die Kreditnachfrage in absehbarer Zeit weiter wachsen dürfte. So wurden im ersten Halbjahr 2016 rund 183.000 neue Wohnungen genehmigt. Das sind über 30 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Trotzdem besteht dringender Korrekturbedarf bei der Umsetzung der Richtlinie in Deutschland – im Interesse der Kunden, aber auch aus Sicht der Banken. Spätestens wenn sich die Dynamik bei der Immobiliennachfrage und beim Finanzierungsbedarf wieder abschwächt, dürfte die überzogen restriktive Wirkung der neuen Rahmenbedingungen offen zutage treten. Der deutsche Gesetzgeber ist bei der Übertragung der EU-Richtlinie in nationales Recht übers Ziel hinaus geschossen. Das betrifft z.B. Kredite für die Wohnungsrenovierung, für die auch weniger strenge Maßstäbe als beim Neuerwerb von Immobilien möglich gewesen wären. Außerdem fehlen im Gesetz genauere Hinweise für die Kreditwürdigkeitsprüfung. Eine Gesetzeskorrektur sollte daher vorhandene Öffnungsklauseln der EU-Richtlinie besser nutzen – wie in anderen Ländern. Außerdem sollte eine Überarbeitung mehr Rechtssicherheit für Banken und Kunden schaffen – ohne die Bürokratie zu erhöhen. Vor allem aber muss eine Gesetzeskorrektur die übertrieben restriktive Wirkung auf die Kreditvergabe beseitigen. Sonst bleibt manch junger Familie das Eigenheim und Senioren der altersgerechte Umbau ihres Hauses verwehrt.

Über Stefan Bielmeier

Stefan Bielmeier ist Chefvolkswirt der DZ BANK AG. Seit Mai 2010 ist Stefan Bielmeier Vorstandsmitglied der DVFA, seit Mai 2012 Vorstandsvorsitzender.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.