Antrag auf EU-Austritt: Nun droht ein harter Brexit

Die Zeit läuft: zwei Jahre Zeit, um den Brexit zu regeln. Die britische Regierung reicht heute offiziell ihren Antrag ein, aus der Europäischen Union austreten zu wollen. Damit beginnt die zweijährige Frist, in der die Formalitäten des Austritts geregelt werden können.

Die Ausgangssituation ist denkbar schwierig: Keiner der Beteiligten hat Erfahrung mit dem Prozedere, schließlich handelt es sich beim Austritt eines Landes um eine unrühmliche Premiere. Und mit fehlender Routine im Umgang mit solchen Verhandlungen ist die Neigung zu Maximalforderungen groß. So geht die britische Regierung mit einer sehr harten Haltung in die Verhandlungen und möchte der EU möglichst viele Zugeständnisse abringen. Ich halte diese Verhandlungstaktik für sehr gewagt. Denn Großbritannien hat eindeutig mehr zu verlieren als die EU. Zudem müssen sehr viele bislang innerhalb der EU gültige Abkommen einzeln besprochen werden. Die nun laufende zweijährige Frist erscheint daher sehr kurz. Und eine Verlängerung der Frist ist sehr schwierig, da alle EU Länder zustimmen müssten. Deswegen lange Übergangsfristen im Anschluss an eine Austrittsvereinbarung zuzugestehen, ergibt aus Sicht der EU nur wenig Sinn, da dies die Verhandlungsbasis der britischen Regierung stärken würde.

Wenn die britische Regierung ihre bisherige Haltung nicht ändert, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass man am Ende gar kein Abkommen hat und Großbritannien ohne Anschlussverträge die EU verlässt. Mit anderen Worten: Es droht ein harter Brexit. Dies wäre für die britische Wirtschaft und die Bevölkerung eine immense Belastung und dürfte tiefe Spuren in der Konjunktur hinterlassen. Allerdings: Wenn sich abzeichnet, dass man einen harten Brexit kaum noch vermeiden kann, könnte es zu einer Gegenreaktion kommen. Dann dürfte der Druck auf die britische Regierung entsprechend schnell steigen die Verhandlungsführung zu ändern, um doch noch einen akzeptablen Kompromiss zu erlangen. Eine gesichtswahrende Entwicklung für die Beteiligten könnte dann sein, dass Premierministerin May zurücktritt, um Platz für neue Ideen zu machen – denn aktuell scheint sie doch sehr auf einen harten Kurs festgelegt.

Der nun anstehende Brexit wird die EU verändern. Erstmals in der Geschichte wird das Rad der Integration und Erweiterung zurückgedreht. Allerdings könnte gerade dies auch eine Change für die verbleibenden Mitgliedsländer sein, die EU neu aufzustellen. Das aktuell diskutierte Modell eines Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten sollte man hierbei in die engere Wahl nehmen. Es wäre zumindest ein Modell, das den unterschiedlichen Ambitionsniveaus der Länder Rechnung trägt und eine größere Stabilität bringen dürfte.

Im Hinblick auf die Kapitalmärkte sehe ich die bevorstehenden Brexit-Verhandlungen gelassen. Sie werden immer wieder zu Ausschlägen führen, gerade an den Devisenmärkten, jedoch rechne ich nicht mit plötzlichen Einbrüchen an den Aktien- und Devisenmärkten. Stattdessen sollten der Verhandlungsverlauf und der wahrscheinliche Ausgang in die Kurse sukzessive eingepreist werden. Die Lasten dürften vor allem bei Großbritannien liegen. Um die deutschen Unternehmen müssen wir uns indes wohl weniger Sorgen machen. Sie werden relativ flexibel mit einer Umlenkung ihrer Investitionen und Exporte reagieren können.

Über Stefan Bielmeier

Stefan Bielmeier ist Chefvolkswirt der DZ BANK AG. Seit Mai 2010 ist Stefan Bielmeier Vorstandsmitglied der DVFA, seit Mai 2012 Vorstandsvorsitzender.

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