Die Finanzwirtschaft im Spannungsfeld vielfältiger Ansprüche an die Nachhaltigkeit

Ralf Frank

Ralf Frank, Geschäftsführer und Generalsekretär DVFA, berichtet vom ersten Sustainable Finance Gipfel Deutschland

Wenn 200 Vertreter aus der Finanzindustrie, der Realwirtschaft und der Politik sich versammeln, um zu diskutieren, wie unser Finanzsystem auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden kann, wird deutlich, wie viele verschieden Rollen Banken, Asset Manager und Versicherer einnehmen: die eines Kreditgebers, eines Produktentwicklers, eines Geldanlageberaters, eines Investors und eines Intermediärs.

So geschehen auf dem ersten „Sustainable Finance Gipfel Deutschland“, den die DVFA im Auftrag des „Hub for Sustainable Finance“ (H4SF) am 23. Oktober in Frankfurt ausgerichtet hat. Dort wurden unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums der Finanzen die zentralen Thesen für eine nachhaltige Finanzwirtschaft diskutiert, die der H4SF als Synopse aus dem Interimsbericht der „High Level Expert Group on Sustainable Finance“ (HLEG) der EU Kommission, der „PRI Roadmap für Deutschland“, dem Living Document Sustainable Finance des Rates für Nachhaltige Entwicklung, der Zielsetzung der Accelerating Sustainable Finance Initiative der Deutschen Börse und den Empfehlungen der „Task Force on Climate-related Financial Disclosures“ des „Financial Stability Boards“ (FSB) destilliert hat.

Diese Aufzählung alleine mache deutlich, so unser Vorstandsmitglieds Michael Schmidt, Geschäftsführer der Deka Investment GmbH und Mitglied der HLEG, dass die vielfältigen Initiativen einer Bündelung bedürften, um zu einer gewichtigen Stimme in der gesellschaftlichen Debatte zu werden. Deshalb koordinieren die Deutsche Börse und der von der Bundesregierung eingerichtete „Rat für Nachhaltigkeit“ (RNE) ihre Aktivitäten unter Einbeziehung weiterer nationaler und internationaler Akteure im H4SF. Dementsprechend breit war auch schon der Kreis der Mitveranstalter und Unterstützer sowie die Zusammensetzung des Publikums: Kürzel wie PRI, BVI, DIRK, DAI, VfU – um nur einige zu nennen – stehen stellvertretend für Banker, Fondsmanager, IR-Verantwortliche, Unternehmensvorstände, Verbandsvertreter, Fachbeamte etc. Damit hat der Gipfel schon mal ein Ziel, nämlich alle relevanten Stakeholder in den Dialog zu bringen, erreicht.

In seinem Grußwort machte Dr. Ludger Schuknecht, Abteilungsleiter für Grundstzfragen im BMF deutlich, dass der Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft nicht aufzuhalten sei. Deshalb appellierte er an die Finanzwirtschaft, stärker mitzuwirken bei der jetzt anstehenden Entwicklung des Rahmens und der Standards für nachhaltiges Wirtschaften. „Der Ball liegt bei der Finanzindustrie; werden Sie vom taker zum maker“, rief er die versammelten Manager auf. In den nächsten Jahren werde sich zeigen, welche Unternehmen den Übergang zu einer machhaltigen Wirtschaft besser meistern als andere. „Die Finanzmärkte müssen solche Transition Champions identifizieren und finanzieren“, so Schuknecht.

Ins selbe Horn stieß der Hessische Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung, Tarek Al-Wazir. „Nur wenn wir die Kräfte der Marktwirtschaft mobilisieren für den Umbau der Wirtschaft, können wir die Auswirkungen der Klimaveränderung noch abmildern“, sagte er in seinem Grußwort. Dabei habe gerade der Finanzplatz Frankfurt die Chance, „Green Finance“ zu seinem Zukunftsthema zu machen.

Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung, gab zu bedenken, dass nachhaltige Investments laut FNG Marktbericht 2017 im letzten Jahr zwar erneut ein zweistelliges Wachstum vorweisen konnten – dies jedoch auf dem niedrigen Niveau von 2,8 % Marktanteil. „Das zeigt, dass diese Sparte der Geldanlagen immer noch in der Nische ist, im Vergleich zu den dynamischen Entwicklungen in anderen Ländern“, so Thieme.

Christian Thimann, Head of Regulation and Sustainability bei der AXA und Vorsitzender der HLEG, verwies in seinem Impulsreferat auf das Spannungsverhältnis zwischen dem in der Finanzindustrie vorherrschenden Zwang zum kurzfristigen Ergebnis und der Langfristigkeit der für den Umbau zu des Energie-, Transport- und Nahrungsmittelsystems erforderlichen Investitionen. „Diesen Widerspruch müssen wir auflösen, wenn wir mehr Geld in diese Richtung allokieren wollen“, so Thimann.

Auf dem Panel, das sich der „treuhänderischen Verantwortung“ von Finanzdienstleistern und Investoren widmete, appellierte unser Vorstandsmitglied Dr. Hendrik Pontzen, Head of Institutional Client Group der HSBC Trinkaus & Burkhardt AG, an die Verantwortung des Individuums: „Jeder Arbeitnehmer sollte nachfragen, wie seine Pensionsgelder investiert werden.“

Christoph Flad, der für die Evangelische Kirche in Bayern solche Pensionsgelder verwaltet, legte seine – wie er beotonte: freiwillige – Nachhaltigkeitsstrategie dar und legte dabei besonders Wert auf das „Shareholder Engagement“: Als Kirche haben wir zwar wenig Marktmacht, aber wir erreichen viel im Dialog mit den Unternehmen.“ Aber, so Flad weiter: „Wir investieren nachhaltig, weil wir das wollen. Wenn das breiter werden soll, würde mehr Verpflichtung seitens des Gesetzgebers sicher helfen“. In Frankreich sei man da schon weiter.

Dem widersprach Holger Kerzel, Geschäftsführer der MEAG: „Nachhaltiges investieren braucht nicht mehr Regulierung, Markt und Gesellschaft üben genug Druck aus.“ Auch Dr. Thomas Emde, Senior Partner bei Freshfields Bruckhaus Deringer LLP, gab zu bedenken, dass trotz Vorgaben des Regulierers, etwa in den Anlagerichtlinien für Pensionskassen, „den möglichen langfristigen Auswirkungen der Anlageentscheidungen auf ökologische, soziale und die Unternehmensführung betreffende Faktoren Rechnung zu tragen“ eine vor der Energiewende getroffene Investitionsentscheidung für einen Energieversorger wohl kaum juristisch zu beanstanden sei. „Und trotzdem war sie aus heutiger Sicht falsch!“, so Emde

Durch alle Paneldiskussionen zog sich die Forderung, der Staat müsse mit gutem Beispiel vorangehen – sei es in seiner Rolle als Investor oder als Einkäufer. Denn, so Stefan Winter, UBS und Verband Auslandsbanken, auf dem Panel „Bankensystem“: „Der Markt für Green Bonds wächst, wenn die Nachfrage der Investoren steigt.“ „Der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung könnte zu einem Leuchtturm für nachhaltiges Investieren werden“, so Anja Mikus, CEO der vor kurzem mit 24 Mrd Euro ausgestatteten Stiftung.

Bestehende Widersprüchlichkeiten zwischen Regulierung und Nachhaltigkeitszielen sollten im Sinne kohärenter Politik beseitigt werden, um Wirtschaft und Finanzwirtschaft eindeutige Orientierung zu geben. Matthias Stapelfeldt, von der Union Investment, beklagte auf dem Panel „Produkte, Standards, Methoden“: „Wenn der Regulierer bei der Geldanlage-Beratung vor allem die Sicherheit in den Vordergrund stellt, wird sich kaum ein Anlageberater trauen, davon abzuweichen und nachhaltige Aktienfonds zu empfehlen.“

In seiner Keynote am Ende des Gipfels dämpfte Prof. Dr. Joachim Wuermeling, Vorstand der Bundesbank, allerdings die Erwartungen, was die Unterstützung der Geldpolitik und der Bankenaufsicht angeht: Banken würden bislang den Klimawandel kaum in ihrem Risikomanagement berücksichtigen. Und in der Geldpolitik sei eine Vorzugsbehandlung für nachhaltige Finanzierungsinstrumente nicht kompatibel mit dem Gebot der Neutralität.

Über Ralf Frank

Ralf Frank ist seit 2002 bei der DVFA, seit 2004 als Geschäftsführer der DVFA GmbH und seit 2011 als Generalsekretär des Verbands.

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