EZB-Protokolle: Handelsstreit bereitet Währungshütern Sorge

Aus den EZB-Accounts zur September-Ratssitzung geht hervor, dass die Währungshüter unter anderem über die möglichen Auswirkungen des zunehmenden Protektionismus im Welthandel diskutiert haben. Einzelne Notenbank-Vertreter haben ihre Sorge zum Ausdruck gebracht, wonach ein eskalierender Handelsstreit die Wachstumsaussichten für die Eurozone nachhaltiger eintrüben könnte. Demgegenüber wurde aber angemerkt, dass die Widerstandsfähigkeit der europäischen Binnenwirtschaft zugenommen habe. Letztlich sind die EZB-Vertreter darin übereingekommen, an ihrer Einschätzung, wonach die Risiken für den Konjunkturausblick weitestgehend ausgeglichen sind, festzuhalten. Wir gehen davon aus, dass die Währungshüter diesen Punkt zur Oktober-Ratssitzung erneut kontrovers diskutieren werden. So hat jüngst der IWF seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft gesenkt.

Hinsichtlich der Inflation zeigt sich die EZB zuversichtlich, dass sich die Teuerungsrate in die gewünschte Richtung entwickeln werde. Nach Einschätzung der Währungshüter habe die Unsicherheit über die zukünftige Preisentwicklung abgenommen. Die Notenbank-Oberen verweisen in diesem Zusammenhang unter anderem auf die höhere Kapazitätsauslastung der europäischen Wirtschaft. Darüber hinaus sind angesichts der größeren Zahl an Beschäftigten, allmählich stärkere Lohnzuwächse auszumachen. Allerdings haben die Notenbank-Oberen auch angemerkt, dass der Zusammenhang zwischen steigenden Löhnen und einer höheren Teuerungsrate unsicher sei. Im Rahmen der September-Ratssitzung wurde auch diskutiert, wie sich ein zuspitzender Handelsstreit auf die Inflationsraten auswirken könnte. Während mögliche Versorgungsengpässe einerseits für steigende Preise sprechen, würde anderseits eine schwindende Nachfrage dem entgegenstehen. Nach Einschätzung der EZB ist es unsicher, welcher Effekt überwiegen würde.

Das EZB-Sitzungsprotokoll bestätigt insgesamt unsere Einschätzung, wonach die Währungshüter bis auf weiteres an ihrem eingeschlagenen geldpolitischen Kurs festhalten werden. Somit dürften die EZB-Anleihekäufe zum Ende des Jahres planmäßig beendet werden. Im Zuge einer der beiden nächsten Ratssitzungen dürften die EZB-Oberen weitere Details zur Reinvestitionspolitik bekanntgeben. Wir gehen hierbei allerdings nur von kleineren Adjustierungen aus. Am wahrscheinlichsten erscheint uns hierbei eine Verlängerung des Zeitraums, bis wann die Reinvestitionen erfolgen müssen.

Über Stefan Bielmeier

Stefan Bielmeier ist Chefvolkswirt der DZ BANK AG. Seit Mai 2010 ist Stefan Bielmeier Vorstandsmitglied der DVFA, seit Mai 2012 Vorstandsvorsitzender.

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